TRADITION / Nach 50 Jahren verkündet in Kalkar wieder ein Stadtausrufer Neuigkeiten: Peter Aymans mit immer derselben Topnachricht.
KALKAR. Freizeitgestaltung kann so einfach sein. Stellen Sie sich zum Beispiel mal auf den Kalkarer Marktplatz. Am besten am Samstag. Wenn Sie lange genug warten, wird folgendes passieren: Ein großer Mann mit einem, ähem, respektablen Resonanz-Körper stellt sich vor die Rathaustür - und schreit. Schreit, was die Lunge hält. So laut, dass Fenster aufgehen, Türen wackeln, dass die Menschen innehalten, und so laut, dass die Betenden in der Nicolaikirche um Stille bitten würden, würde der Mann während der Messe schreien, was er natürlich niemals tun würde, nicht am Niederrhein und sonstwo auch nicht. Denn Peter Aymans, so heißt er, schreit nicht einfach so. Peter Aymans ist etwas, das es eigentlich seit knapp fünfzig Jahren in Kalkar nicht mehr gibt: Stadtausrufer. Johann Schmitthausen, genannt Süteken, hieß der letzte und er zog im Jahr 1955 von dannen, nach Kleve. Bis dahin hatte er getan, was heute die Zeitung tut - und Peter Aymans: verkündet, was in Kalkar los und wichtig ist.
Wo es frisches Fleisch gab, wo eine Straße gesperrt wurde - Schmitthausen hat es an 24 Stellen im Stadtgebiet ausgerufen. Und genau so macht es auch Aymans. Baut sich in Anzug und Zylinder an 33 Stellen im Stadtgebiet auf und klingelt mit der Stadtschelle, die nicht irgendein Glöckchen sondern eine Glocke ist, die so manches Kirchengebimmel vor Neid erstummen und einen kleineren Stadtausrufer schwächeln ließe. Denn sie ist schwer und laut, die Stadtschelle. Damit klingelt Aymans auch nicht irgendwie. Sondern exakt dreimal. Und kurz. Weil das immer so war. "Be-kannt-ma-chung!" schreit er dann. Zweimal. Und mit falscher Betonung - auf dem "-ung" nämlich, auch das war schon immer so. An den Nachrichten allerdings merkt man, wie die Zeit vergeht.
Nicht mehr von Frischfleisch kündet der Stadtrufer bei seinem monatlichen Rundgang. "Bekanntmachuuung, Bekanntmachuuung" ruft Peter Aymans, als er mit der Presse im Cafe sitzt und eine Passantin zuckt, "der Bürgerschützenverein feiert in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen." Das ist seine Topnachricht am Samstag. Nein, wir stehlen dem Mann hier nicht die Schau - denn das Jubiläum des Bürgerschützenvereins ist jeden Monat seine Top-Nachricht. Seit Januar. Das liegt nicht daran, dass ihm nichts anderes einfällt, oder dass in Kalkar nichts los wäre, ganz und gar nicht. Sondern der Grund für die immer gleiche Nachricht, Monat für Monat ist: Reklame. Aymans ist Mitglied des BSV und dieser ist gemeinsam mit den Schützenbrüdern vom Kegelverein Gut Holz, um für die Jubiläumsfestwoche zu werben, auf die Schnapsidee mit dem Stadtausrufer gekommen.
Ob er eventuell, im Falle eine Falles, den Stadtausrufer mimen würde, falls die Schnapsidee verwirklicht würde - das hat man Aymans damals gefragt und natürlich hat er zugesagt. Immerhin hatte der 31-Jährige, der eigentlich für die Post Pakete zustellt, schon als Marktschreier stimmgewaltig bewiesen, dass er Wurst an den Mann bringen kann - warum also nicht auch Nachrichten?
Seit Januar zieht er so an einem Samstag im Monat vom Rathaus aus mit seinem Adjutanten Heinz Theunissen und drei Schützenbrüdern durch die Stadt, verkündet nicht nur das Jubiläum des BSV (s. Bericht oben) sondern auch Veranstaltungen der anderen Kalkarer Vereine - Jubiläum des Musikvereins, Ochsenorden, Osterfeuer - und fühlte sich beim ersten Mal recht seltsam dabei. Weil es geregnet hat - und überhaupt. "Was machst du hier eigentlich", hat er sich gefragt - und schnell eine Antwort gefunden. Denn mittlerweile gibt es eine richtige Stadtausrufer-Fangemeinde. Wenn Aymans und seine Schützenbrüder - die die ausgerufenen Nachrichten auch auf Handzetteln unters Volk bringen - durch die Straßen ziehen, bietet man ihnen Schnäpschen an, Halsbonbons, ein Pläuschchen. Zuletzt schickte ihnen eine Kalkarerin ein Kuvert - darin Fotos des Stadtausrufer-Teams, darauf der Spruch: "Süßer die Glocke nicht klingelt, als von dem Aymans-Sohn, Kalkarer Bürger sagen: Hoch lebe die Tradition".
Am Samstag, 12. Juli, 15.30 Uhr, tritt Aymans nochmals als Stadtausrufer an und verweist letztmalig auf Jubiläum und Schützenfest, das seit langem wieder gemeinsam mit der Kirmes gefeiert wird. Und was macht er dann, der Stadtausrufer, wenn sich die Topnachricht überholt hat? 50 Jahre Pause? Vielleicht nicht. Es wäre durchaus eine Überlegung, den Stadtausrufer "auch touristisch einzubinden", meint Bürgermeister Gerhard Fonck. Denn Unterhaltung kann so einfach sein...
Quelle: ANJA HASENJÜRGEN Neue Rhein Zeitung vom 09.07.2003 / LOKALAUSGABE / KLEVE




